Im Fokus

Von der Anfängerin zur Weltnummer 1 in drei Jahren

von Fabio Baranzini – 11. November 2022

Rollstuhl-Badmintonspielerin Ilaria Renggli in Aktion

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In unserer Rubrik «Im Fokus» stellen wir Sportlerinnen und Sportler aus dem Kanton Aargau vor, die mit ihren Leistungen für Aufsehen gesorgt haben. Diesmal ist es Rollstuhl-Badmintonspielerin Ilaria Renggli (22) aus Hottwil, die an ihrer ersten Weltmeisterschaft gleich zwei Bronzemedaillen gewonnen hat.  

2020 war es, als Ilaria Renggli während ihrer Reha zum ersten Mal mit Rollstuhl-Badminton in Kontakt kam. Renggli, die ursprünglich Kunstturnerin war und wegen einer Blutung im Rücken Paraplegikerin geworden ist, hatte zuvor mit Rückschlag- und Ballsportarten wenig bis gar nichts am Hut. «Ich habe eigentlich kein Ballgefühl», erzählt sie lachend.  

«Ich hatte nie die Erwartung, um die Medaillen mitspielen zu können.»

Ilaria Renggli, Rollstuhl-Badmintonspielerin

Und trotzdem: Das Rollstuhl-Badminton hat Ilaria Renggli gefallen und sie entschloss sich, regelmässig zu trainieren. «Früher als Turnerin war ich eine Einzelsportlerin. Am Rollstuhl-Badminton gefällt mir, dass ich sowohl alleine wie auch im Doppel spielen kann. Der Sport ist extrem schnell, vielseitig und sowohl technisch wie auch taktisch anspruchsvoll. Das gefällt mir.» 

Rollstuhl-Badmintonspielerin Ilaria Renggli in Aktion

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Ein Jahr voller Training 

Angesichts der Komplexität der Sportart Rollstuhl-Badminton ist es erstaunlich, wie schnell der Aufstieg von Ilaria Renggli verlief. Ihr erstes Jahr verbrachte sie praktisch ausschliesslich mit Trainings, denn wegen Corona fanden keine Turniere statt. Schon bald durfte Renggli mit dem Nationalteam mittrainieren, zu dem auch die Aargauerin Karin Suter-Erath gehört. Von ihr und den weiteren Teamkolleginnen und -kollegen konnte sich Renggli viel abschauen. «Ich habe intensiv an der Schlagtechnik gearbeitet, aber konnte gerade auch beim Handling des Rollstuhls sehr stark von meinen erfahrenen Trainingspartnern profitieren – das war mega wertvoll.» 

2021 standen dann die ersten Turniereinsätze auf dem Programm für Ilaria Renggli. Weil es ausser den Schweizer Meisterschaften und der Winterthurer Stadtmeisterschaft keine Turniere in der Schweiz gibt, bestritt sie ihre ersten offiziellen Matches in Dubai und in Spanien. Gleich bei ihrer Premiere auf internationalem Parkett belegte sie den dritten Rang. «Das war natürlich genial, aber man muss auch wissen, dass die Asiatinnen, die zu den Besten der Welt gehören, nicht dabei waren. Sie durften damals wegen Corona noch kaum reisen», relativiert Renggli ihr fulminantes Debüt.  

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Fokus auf den Sport 

Trotzdem: Dank den Erfolgen packte der Ehrgeiz Ilaria Renggli so richtig. Im Hinblick auf dieses Jahr – ihre erste komplette Saison – schraubte sie ihr Trainingspensum auf durchschnittlich 15 Stunden pro Wochen nach oben. Training in der Halle, Koordinations-, Kraft- und Athletikeinheiten, sowie Sportpsychologie stehen auf ihrem Programm. «Der Sport hat für mich einen sehr hohen Stellenwert», sagt Renggli, die neben ihrer Leistungssport-Karriere 30 Prozent in einem Büro arbeitet. «Um die Karriere zu finanzieren», wie sie sagt. Denn gerade die weiten Reisen belasten das Budget.  

In diesem Jahr bestritt Renggli Turniere in Spanien, Bahrain, Dubai, Irland und Thailand. Und auch bei diesen Einsätzen konnte die 22-jährige Hottwilerin auf ganzer Linie überzeugen. Bei jedem Turnier schaffte sie den Sprung aufs Podest – im Einzel und im Doppel. So arbeitete sie sich in der Weltrangliste stetig nach vorne und wurde schon bald in den Top 30 geführt. Diese Klassierung war gleichbedeutend mit einer Einladung an die Weltmeisterschaften in Tokio. Swiss Paralympic bestätigte die Selektion und damit stand fest: Ilaria Renggli darf in ihrem ersten kompletten Jahr als Rollstuhl-Badmintonspielern an die WM. «Das hätte ich vor der Saison nie erwartet», so Renggli.  

Rollstuhl-Badmintonspielerin Ilaria Renggli präsentiert ihre beiden WM-Medaillen

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Unerwartet zu zwei Medaillen 

Die WM in Tokio war für die junge Athletin gleich doppelt speziell. Es war nicht nur ihre erste WM, sondern auch die längste Reise, die sie je auf sich genommen hat. Doch weder die lange Reise, noch die höhere Nervosität an der WM, noch die starken Gruppengegnerinnen brachten Ilaria Renggli aus dem Konzept. Sie gewann beide Vorrundenspiele und stand damit im Viertelfinal. «Ich freute mich extrem über diese zwei Siege», erzählt Renggli, die in der Runde der letzten Acht auf eine Brasilianerin traf. Und die schlug sie deutlich. Damit stand fest: Ilaria Renggli hat die Bronzemedaille auf sicher. «Ich konnte das gar nicht richtig realisieren, auch wenn mir meine Trainer zur Medaille gratulierten. Es war irgendwie unwirklich und vor allem stand direkt nach dem Einzel-Viertelfinal auch noch der Viertelfinal im Doppel an. Dieses Spiel war enorm wichtig für uns, denn es ging darum, dass wir uns für die Qualifikation für die Paralympics 2024 in Paris eine möglichst gute Ausgangslage erspielen», so Renggli.  

Erst als die 22-jährige Aargauerin gemeinsam mit Cynthia Mathez auch im Doppel im Halbfinal stand und damit die zweite Medaille auf sicher hatte, fiel die Anspannung ab und wich der Freude. «Ich hatte nie die Erwartung, um die Medaillen mitspielen zu können. Und jetzt gewinne ich an meiner ersten WM zwei Bronzemedaillen – das ist unglaublich.» 

Blick nach Paris gerichtet 

Und was fast noch unglaublicher ist als die beiden WM-Medaillen, ist der Blick auf die Weltrangliste. Denn nach ihrem ersten Jahr – und nur drei Jahre nachdem sie mit Rollstuhl-Badminton begonnen hat – wird Ilaria Renggli in ihrer Kategorie als Weltnummer 1 im Einzel geführt. «Ich bin auf dem Papier die Nummer eins der Welt, weil ich die meisten Punkte gewonnen habe. Ich bin aber nicht die stärkste Spielerin der Welt. Da gibt es noch ein paar bessere, die in diesem Jahr aber weniger Turniere bestritten haben als ich», relativiert Renggli. Aber auch so ist der Erfolg von Ilaria Renggli mehr als beeindruckend. Mit 22 Jahren gehört sie im Rollstuhl-Badminton zur absoluten Weltspitze im Einzel und im Doppel, gewinnt an ihrer ersten WM zwei Medaillen und darf sich realistische Chancen ausrechnen für eine Teilnahme an den Paralympics 2024 in Paris – Chapeau! 

Hinweis

In unserer Rubrik «Im Fokus» stellen wir einmal im Monat einen Sportler oder eine Sportlerin aus dem Kanton Aargau vor, die mit ihren Leistungen für Aufsehen gesorgt hat. Alle bisherigen Portraits findest du hier.