Im Fokus

Aline Seitz ist auf zwei Rädern Zuhause

von Fabio Baranzini – 5. November 2020

Die Aargauer Bahnfahrerin Aline Seitz bei der Übergabe im Madison

Bild: Thomas Collier

In unserer Rubrik «Im Fokus» stellen wir einmal im Monat einen Sportler oder eine Sportlerin aus dem Kanton Aargau vor, die mit ihren Leistungen für Aufsehen gesorgt hat. Diesmal ist es Bahnfahrerin Aline Seitz, die sich zur dreifachen Schweizer Meisterin gekürt hat.  

Auf zwei Rädern macht Aline Seitz so schnell niemand etwas vor. Die 23-jährige Buchserin kann man getrost als Multitalent auf dem Rad bezeichnen. Im Mountainbike schaffte sie einst den Sprung ins Junioren-Nationalkader und vertrat die Schweiz an Junioren-Grossanlässen. Auf der Strasse hat sie Spitzenrangierungen an der Jugendolympiade errungen und fährt noch heute Rennen für ein belgisches Team. Und auf der Bahn hätte sie sich im letzten Jahr beinahe für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert und konnte bereits einen Weltcupsieg feiern.  

In drei verschiedenen Sportarten in den jeweiligen Altersklassen den Sprung an die Weltspitze zu schaffen und das im Alter von nur gerade 23 Jahren – das ist eine mehr als beachtliche Leistung. Höchste Zeit also, Aline Seitz genauer vorzustellen. Vor allem auch, weil sie sich aktuell erneut in hervorragender Form befindet. Vor wenigen Tagen hat sie sich zur dreifachen Schweizer Meisterin auf der Bahn gekürt. Im Scratch, im Ausscheidungsfahren und im Punkterennen war sie nicht zu schlagen.  

Den Spass schnell gefunden 

Aber blenden wir zurück. Die Radsport-Karriere von Aline Seitz begann im Alter von acht Jahren. «Damals bin ich überhaupt nicht gerne Velo gefahren», erinnert sie sich lachend. «Aber mit der Familie sind wir oft von unserem Zuhause in Buchs an die Aare gefahren. Meine Eltern fanden, ich müsste auf dem Velo sicherer werden und meldeten mich für eine Schnupperwoche beim RC Gränichen an.» 

Trotz ihrer anfänglichen Vorbehalte gegen das «Velofahren» hat sie sofort den Spass am Mountainbiken gefunden. Von nun an trainierte sie mehrmals pro Woche. Dass der Radsport für sie dereinst mehr werden könnte als «nur» ein Hobby, merkte Aline Seitz erst verhältnismässig spät. Obwohl sie im Mountainbike auch national Erfolge feiern konnte und zur U17-Nationalmannschaft gehörte, brauchte es einen Erfolg auf damals ungewohntem Terrain, um Aline Seitz die Augen zu öffnen.  

Die Aargauer Bahnfahrerin Aline Seitz während einem Rennen

Bild: Thomas Collier

Training auf der Bahn 

«Als ich in die Sport Kanti nach Aarau wechselte, kam plötzlich das Thema der Jugendolympiade auf. Damit ich aber dort teilnehmen konnte, musste ich Strassenrennen fahren, denn an diesem Anlass gab es kein Mountainbikerennen», so Seitz. Obwohl sie zuvor noch nie ein Strassenrennen bestritten hatte, schaffte sie gleich bei ihrem ersten Einsatz die Qualifikation für die Jugendolympiade und erreichte dort Rang vier im Zeitfahren und Rang fünf im Strassenrennen. «Nach diesen Erfolgen habe ich realisiert, dass ich wohl schon das Talent mitbringe, um den Radsport intensiver zu betreiben.» 

Von diesem Moment an bestritt Aline Seitz parallel Strassen- und Mountainbikerennen. Der Fokus lag allerdings weiterhin beim Mountainbike. Zu Trainingszwecken begann Aline Seitz zudem vor rund fünf Jahren auch regelmässig auf der Bahn zu trainieren. «Eigentlich wollte ich das erst gar nicht machen, denn ich war früher mal bei einem Training auf der Bahn gestürzt. Darum wollte ich nicht mehr auf der Bahn fahren. Ich habe mich dann aber überwunden, um an meiner Schnelligkeit und meiner Trittfrequenz zu arbeiten», erzählt sie.  

«Da ich die idealen körperlichen Voraussetzungen mitbringe für die Bahn, habe ich mich dafür entschieden. Das war allerdings kein leichter Schritt.» 

Aline Seitz, Bahnfahrerin

Sofort erfolgreich 

Und schnell zeigte sich auch in dieser Disziplin: Aline Seitz hat Talent. Trotzdem blieb sie dem Mountainbike treu. Bis zur WM 2018 auf der Lenzerheide. «Dieses Rennen wollte ich noch bestreiten. Das war mein letztes grosses Ziel als Mountainbikerin», sagt Seitz. Danach wagte sie den definitiven Wechsel auf die Bahn. Warum hat sie sich entschieden, die Rennen auf dem Mountainbike aufzugeben? «Mein grosses Ziel sind die Olympischen Spiele. Sowohl im Mountainbike wie auch auf der Bahn ist die Weltspitze aber extrem dicht und es ist schwierig, sich dort einen Platz zu erkämpfen. Da ich die idealen körperlichen Voraussetzungen mitbringe für die Bahn, habe ich mich dafür entschieden. Das war allerdings kein leichter Schritt.» 

Aber es war der richtige. Denn schon in ihrer ersten Saison lieferte Aline Seitz verblüffende Resultate. Sie erreichte an der U23 EM einen vierten und einen fünften Platz, gewann kurz darauf ihr erstes Weltcuprennen und beendete die Saison in der Disziplin Scratch als Nummer zwei der Welt. «Diese Erfolge waren für mich mega überraschend. Das hätte ich so nie erwartet, aber es hat mich natürlich in meinem Entscheid bestärkt, auf die Bahn zu setzen.» 

 

Die Diszipline des Bahnradsports einfach erklärt

Die EM als nächstes Ziel 

Dass sie so schnell erfolgreich war, hat sicherlich auch mit ihren Erfahrungen aus den Mountainbike- und den Strassenrennen zu tun. «Dank dem Mountainbiken habe ich eine sehr gute Technik und ein gutes Gefühl auf dem Rad. Und von der Strasse kann ich im taktischen Bereich profitieren», ist Aline Seitz überzeugt. All diese Fähigkeiten braucht sie, um auf der Bahn erfolgreich zu sein. Dort brettert sie nämlich mit Geschwindigkeiten von bis zu 70 Stundenkilometern über die Bahn. Und zwar auf einem Rad, das nur einen Gang besitzt und keine Bremse.  

Aber Bremsen ist sowieso nicht das Ding von Aline Seitz. Im Gegenteil. Sie gibt weiterhin Vollgas. Daran hat auch die knapp verpasste Qualifikation für die Olympischen Spiele nichts geändert. Sie hat bereits das nächste Ziel im Visier: Die Europameisterschaften nächste Woche in Bulgarien. Dort wird sie in den Disziplinen Scratch, Omnium und Madison an den Start gehen. Im Madison wird sie im Team mit Michelle Andres antreten – einer weiteren Aargauerin.  

Hinweis

In unserer Rubrik «Im Fokus» stellen wir einmal im Monat einen Sportler oder eine Sportlerin aus dem Kanton Aargau vor, die mit ihren Leistungen für Aufsehen gesorgt hat. Alle bisherigen Portraits findest du hier.