eSports

«Es sind längst nicht alle Gamer unsportlich»

von Fabio Baranzini – 2. Juni 2020

eSport Tour der FC Aarau Frauen

Bild: FC Aarau Frauen

Die FC Aarau Frauen wagten vor drei Jahren den Schritt in die «eSport»-Welt. Als einer der ersten Sportvereine in der Schweiz. Doch warum soll diese virtuelle Sportwelt für traditionelle Sportvereine überhaupt interessant sein? Darüber haben wir mit Oliver Lutz von «esports.ch» und Michel Schauenberg, Präsident der FC Aarau Frauen, diskutiert.

Wenn es um «eSports» geht, stecken die Schweizer Sportvereine noch in den Kinderschuhen. Zwar ist das Thema – unter anderem bedingt durch die Coronakrise – derzeit aktueller denn je. Doch wirklich aktiv im Bereich «eSports» sind erst ganz wenige Vereine. Der FC Basel führt beispielsweise eine eigene eSports-Abteilung mit vier Spielern. In der Westschweiz sind der FC Sion, Genf Servette und Lausanne-Sports aktiv. Im Eishockey die ZSC Lions. «Es tut sich derzeit etwas in der Schweizer Sportszene im Bezug auf eSports. Auch der Schweizer Fussballverband diskutiert über die Einführung einer eSports-Super-League», sagt Oliver Lutz von der Online-Plattform «esports.ch».

«Wir sind nach wie vor fest davon überzeugt, dass eSport in der Schweiz eine Zukunft hat.»

Michel Schauenberg, Präsident FC Aarau Frauen

Potenzial vorhanden

So betrachtet waren die FC Aarau Frauen ihrer Zeit voraus. Sie haben nämlich bereits vor rund drei Jahren die ersten Schritte in der eSports-Welt gewagt. Im September 2017 führte der damals frisch gegründete Verein im FIFA-Museum in Zürich ein Casting durch und suchte eine eSportlerin. Gefunden haben die Verantwortlichen damals Estefania «Este» Barreiro, die früher selber im Tor der FCA Frauen gestanden hatte. «Wir wussten, dass wir eigentlich zu früh sind für das Thema eSport. Trotzdem wollten wir mit dieser Aktion zeigen, dass alle, die Fussballspielen wollen – egal ob auf dem Rasen oder an der Konsole – bei uns am richtigen Ort sind», sagt Vereinspräsident Michel Schauenberg.

Nach dem erfolgreichen Casting organisierten die FCA-Frauen eine eSports-Tour. An sechs Standorten im Aargau konnten sich Kids und Jugendliche mit Estefania Barreiro messen. «Die Tour war ein Erfolg. Vor allem auch deshalb, weil Estefania in der Folge von der Agentur Level05 unter Vertrag genommen wurde», so Schauenberg. Trotzdem läuft das Projekt bei den FC Aarau Frauen mittlerweile nur noch auf Sparflamme. «Für Estefania wurde der Aufwand für das eSport-Training neben ihrem normalen Job zu gross. Und auch für uns als Verein war der zeitliche und personelle Aufwand für den eSport-Bereich neben unserem Kerngeschäft mit vier Teams zu gross», erklärt Schauenberg. «Trotzdem sind wir nach wie vor fest davon überzeugt, dass eSport in der Schweiz eine Zukunft hat.»

Silvan Dillier im Einsatz am Digital Swiss 5

Bild: Buchli Fotografie / Tour de Suisse

Viele Gamer sind auch Sportler

Das sieht auch Oliver Lutz so. Er beobachtet denn auch, dass sich immer mehr Sportvereine hierzulande intensiver mit dem Thema eSports auseinandersetzen. Und das nicht nur in den grossen Sportarten Fussball und Eishockey. «Es gibt auch Handballteams, die sich mit dem Thema beschäftigen. Auch der Schweizer Segelverband führt aktuell eine eSailing Meisterschaft durch und zuletzt wurde ein virtueller Ableger der Tour de Suisse sogar im Schweizer Fernsehen übertragen», sagt Lutz.

Trotzdem tut sich die Mehrheit der klassischen Sportvereine in der Schweiz schwer beim Thema eSports. Doch warum eigentlich? «Viele setzen eSports mit Inaktivität gleich. Also dem Gegenteil von Sport. Darum wollen sie nicht in diesen Bereich investieren», erklärt Oliver Lutz. Doch dass dieses Vorurteil nicht zwingend der Realität entspricht, zeigt ein aktuelles Beispiel: Nachdem die Eishockey-Meisterschaft wegen des Coronavirus vorzeitig abgebrochen werden musste, organisierte «esports.ch» die virtuellen Playoffs im Spiel «NHL 20». «Die Gamer, die ihren Verein vertreten wollten, mussten sich bei uns mit einem Motivationsschreiben bewerben. Und praktisch bei allen war die Begründung, dass sie Fan des Vereins seien und selber Eishockey spielten. Es sind also längst nicht alle Gamer unsportlich», ist Lutz überzeugt.

Die ePlayoffs auf Youtube

Enorm viele Optionen

Für den eSport-Experten bietet die virtuelle Gaming-Welt gerade auch für Sportvereine ein grosses Potenzial. Und zwar nicht nur in den klassischen Sportgames wie Fifa oder NHL. «Man kann sich ein Beispiel an der Unterhaltungsindustrie nehmen. Vertreter dieser Branche sichern sich derzeit Präsenz in beliebten Spielen wie Fortnite oder League of Legends. Das kann durchaus auch für Sportvereine eine Option sein, wenn man bereit ist, über den Tellerrand hinauszudenken», sagt Lutz.

Doch wie sähe denn eine solche Präsenz aus? Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Als Sportverein kann man Streamer – also Gamer, die sich selbst beim Spielen aufnehmen und diese Videos über Online-Plattformen mit ihrer Community teilen – unter Vertrag nehmen. «Diese Streamer treten dann in ihrem Streams im offiziellen Outfit des Vereins auf und vertreten auch sonst den Club. So kommen garantiert andere Leute mit dem Verein in Kontakt», erklärt Lutz und führt weiter aus: «Auch für die Sponsoren des Vereins kann eSports interessant sein, denn es ist eine weiter Möglichkeit für Präsenz. An der virtuellen Tour de Suisse wurden beispielsweise entlang der Strecke auf den Banden die Logos der Sponsoren eingeblendet. eSports bietet auch neue Möglichkeiten, um mit den Fans des Vereins zu interagieren. Beispielsweise in Form von Fan-Turnieren.»

Die Optionen in der eSports-Welt sind vielfältig. Doch es wird wohl noch Zeit brauchen, bis bei den herkömmlichen Sportvereinen ein Umdenken stattfindet. Denn eines ist klar: Genau wie der normale Sport braucht auch eSports viele Zeit, Geld und Manpower, wenn man ihn professionell betreiben will. Das hat nicht zuletzt das Beispiel der FC Aarau Frauen gezeigt.