Über den Tellerrand

Fussball für Gleichgewichts-Künstler auf zwei Rädern

von Fabio Baranzini – 3. Januar 2020

Radballer Stefan Lützelschwab bei der Schussabgabe

Bild: zur Verfügung gestellt

In unserer Serie «Über den Tellerrand» stellen wir euch Sportarten vor, die im Kanton Aargau betrieben werden, aber in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind. Diesmal haben wir uns mit Stefan Lützelschwab über Radball unterhalten, denn in wenigen Tagen treffen sich die weltbesten Radballer beim Weltcupfinale in Möhlin.

Wer Radball spielen will, der braucht vor allem eins: ein gutes Gleichgewicht. Denn spielberechtigt ist im Radball nur, wer im Sattel sitzt und den Boden nicht berührt. Und das ist gar nicht so einfach, denn das Radballrad hat weder eine Schaltung noch Bremsen und man kann damit nicht nur vorwärts, sondern auch rückwärtsfahren. 
 
Doch sich einfach im Sattel halten können, reicht bei weitem nicht. Denn im Radball werden auch die Pässe und die Schüsse mit Hilfe des Rads abgegeben. Und zwar wird der Ball jeweils mit dem Vorderrad gespielt. Dies wird möglich dank einer ruckartigen Drehbewegung des Lenkers. Dieser ist extra dafür speziell gefertigt und weist eine Form auf, die vergleichbar ist mit einer noch oben gerichteten Mistgabel. Es wird also schnell klar: Es gibt einfachere Sportarten als Radball.

«Das ist für mich das Non-Plus-Ultra meiner Radball-Karriere. Auf diesem Niveau durfte ich bislang noch nie spielen.»

Stefan Lützelschwab, Radballer aus Möhlin

Weltelite misst sich in Möhlin

Wer sich selber ein Bild davon machen will, wie es im Radball auf absolutem Weltklasse-Niveau zu und her geht, der hat am 18. Januar in Möhlin die Gelegenheit dazu. Die Möhliner Radballer organisieren nämlich den Weltcupfinal, bei dem sich die besten Teams der Welt messen. Mit dabei ist auch der Einheimische Stefan Lützelschwab mit seinem Partner Nick Metzger. Die beiden haben eine Wild Card vom Veranstalter VCR Möhlin bekommen und messen sich nun mit der Weltspitze. «Das ist für mich das Non-Plus-Ultra meiner Radball-Karriere. Auf diesem Niveau durfte ich bislang noch nie spielen», freut sich Lützelschwab, der in seiner Karriere schon mehrere Schweizer Meistertitel gewonnen hat und 13 Jahre lang in der obersten Spielklasse gespielt hat. 

Fussball auf dem Velo

Doch wie genau funktioniert denn jetzt eigentlich Radball? Bislang wissen wir erst, dass man ein gutes Gleichgewicht braucht, um das Rad vorwärts und rückwärts steuern zu können, und dass der Ball mit Hilfe einer ruckartigen Drehbewegung des Lenkers gepasst und geschossen werden kann. Fragen wir also Stefan Lützelschwab. Wie erklärst du einem Laien, wie deine Sportart funktioniert? «Radball ist Fussball auf dem Velo. Das ist die einfachste Erklärung», sagt der Profi lachend. 

So sieht Radball auf Weltklasse-Niveau aus

In der Tat weist Radball viele Ähnlichkeiten auf mit Fussball. Es spielen jeweils zwei Teams – bestehend aus zwei Spielern – gegeneinander, wobei das Ziel darin besteht, den Ball im Tor des Gegners zu versenken. Das eine Teammitglied hat die Rolle des Torhüters inne und darf im eigenen Strafraum den Ball mit der Hand abwehren. Der andere ist der Feldspieler. Der darf den Ball, der rund 600 Gramm schwer ist, ausschliesslich mit dem Rad spielen. Das Spielfeld ist 14 Meter lang und 11 Meter breit. Die Tore weisen die Masse zwei auf zwei Meter auf. Gespielt werden zwei Halbzeiten à je sieben Minuten. 
 

Fünf Aargauer Vereine

Das klingt im ersten Moment nach einem sehr kurzen Spiel. Doch diese vierzehn Minuten reichen für viel Action. «Radball ist ein sehr attraktiver Sport mit vielen schnellen Antritten und sehr vielen Aktionen in kürzester Zeit», beschreibt Stefan Lützelschwab, der im Alter von neun Jahren mit Radball begonnen hat. In einem Spiel gibt es durchschnittlich 10 bis 15 Tore. «Natürlich kann es auch mal weniger Tore geben, aber im Normalfall sehen die Zuschauer viele Treffer.»
 
Die Schweiz gehört im Radball zu den stärksten Nationen. An Welt- und Europameisterschaften können die Schweizer Vertreter jeweils um die Medaillen mitkämpfen. Hierzulande gibt es rund 327 lizenzierte Radballer aus 30 Vereinen, die am Radball-Meisterschaftsbetrieb teilnehmen. Im Aargau sind es deren sechs. Neben dem VCR Möhlin spielen auch der VC Oftringen, der SV Seon-Niederlenz, der VC Bremgarten, der VC Schöftland und Wettingen. Wer wie Stefan Lützelschwab und sein Partner Nick Metzger auf höchstem Niveau mithalten will, der muss mindestens zwei bis drei Mal pro Woche trainieren. Idealerweise kommen noch Schnellkraft-, Koordinations und Mentaltraining dazu. «Man muss schon den nötigen Trainingsfleiss mitbringen, obwohl Radball eine Randsportart ist. Aber es lohnt sich. Radball ist nicht nur eine spezielle Sportart, die nur sehr wenige Leute beherrschen. Es ist auch eine sehr familiäre Sportart, die einen grossen Zusammenhalt hat.»
 

Bild: zur Verfügung gestellt

Hinweis

Wer mehr zum Weltcupfinal der Radballer in Möhlin erfahren will, findet hier weitere Infos. Weitere spannende Beiträge aus unserer Rubrik «Über den Tellerrand», in der wir unbekannte Sportarten vorstellen, die im Kanton Aargau ausgeübt werden,  findest du hier.